Stadtmuseum St. Pölten
3100 St. Pölten
02742 / 333 2643
Rathausgalerie: geschlossen
Mit einem Paukenschlag führte sich der Jugendstil in St. Pölten ein. Der Erbauer der Wiener Secession, der Architekt Joseph Maria Olbrich, errichtete 1899 – nur ein Jahr nach dem Wiener Ausstellungsgebäude – in der Kremser Gasse ein Wohnhaus für den Arzt Dr. Hermann Stöhr, das an Radikalität auch alles Kommende in den Schatten stellen sollte. Der skulptural empfundene Baukörper, der sich über dem Erdgeschoß mächtig vorwölbt, wurde mit auffälligem Stuck und metallenen Dekorelementen versehen.
Der St. Pöltner Maler Ernst Stöhr, 1897 unter den Gründern der Secession, hatte Olbrich an den Bauherrn, seinen Bruder Hermann, vermittelt und schuf selbst ein Sgraffito der „Hygieia“, als symbolische Verkörperung für den Beruf des Bauherrn. Das Haus Stöhr zählt auch heute noch zu den architektonischen Schmuckstücken der St. Pöltner Altstadt. Am Ende dieser für St. Pölten in vielerlei Hinsicht so fruchtbaren Epoche wurde 1913 die Synagoge errichtet, die sich nach der Renovierung in den Jahren 1980 bis 1984 und 2024 im Inneren wieder reich an Jugendstil-Dekor präsentiert. Auch in den Villenvierteln und Stadterweiterungsgebieten finden sich herausragende Bauten aus der Zeit um 1900.
Bedeutende St. Pöltner Künstlerinnen und Künstler dieser Zeit haben auch auf den Gebieten der Malerei, der Grafik, des Kunstgewerbes und der Innenarchitektur besondere Leistungen vollbracht. Neben Ernst Stöhr waren auch der Secessionskünstler Ferdinand Andri und dessen Frau Charlotte Andri-Hampel eng mit der Stadt verbunden. Sowohl Ernst Stöhr als auch Ferdinand Andri waren mit Kunstwerken an der legendären Beethoven-Ausstellung der Secession im Jahr 1902 beteiligt. Der Hoffmann-Schüler Hans Ofner reüssierte mit seinen Möbelentwürfen und Innenraumgestaltungen auf der Höhe der Zeit. In der Jugendstil-Abteilung des Stadtmuseums werden ihre außergewöhnlichen Werke präsentiert – Hauptwerke dieses Künstlerkreises um 1900 verweisen darauf, dass diese Epoche des Aufschwungs in der Stadtentwicklung von kreativen Köpfen begleitet wurde.
Die Rolle Ferdinand Andris während und nach des NS-Regimes wird in der neuen Ausstellung „Blick in den Schatten. St. Pölten und der Nationalsozialismus“ ausführlich beleuchtet.